Weizen im Visier: Macht das Getreide krank? | Unser Land | BR Fernsehen

Untertitelung: BR 2019 Weizen ernährt die Welt, seit vielen Tausend Jahren Doch nicht nur in Deutschland geben ihm immer mehr Menschen die Schuld für unerklärliche Krankheitssymptome Wir wissen heute, dass in bestimmten westlichen Ländern bis zu 15% der Bevölkerung unter Reizdarmsyndrom leiden Und es werden immer mehr Ernährungsberater und Autoren populärwissenschaftlicher Bücher schüren Ängste vor dem wichtigen Lebensmittel Gleichzeitig wird den Betroffenen Hysterie unterstellt und ihr Leiden viel zu selten ernst genommen Dann hat der Hausarzt nur gemeint: “Nimm mal mehrere 10 Kilo ab, dann geht’s dir auch wieder besser.” Das war aber nicht des Rätsels Lösung Was ist mit diesem wichtigen Lebensmittel passiert? Die Backindustrie hat Anforderungen an den Weizen gestellt, um ihn besser verarbeiten zu können, um ein höheres Teigvolumen zu haben Aber darüber hat man die ernährungs- physiologische Bedeutung vergessen Macht der Weizen wirklich krank? Warum? Und wer ist dafür verantwortlich? Fünfleiten in Niederbayern Stefanie Huber-Kron lebt in dem kleinen Weiler bei Falkenberg Über das Essen hat sie sich nie irgendwelche Gedanken machen müssen Ich hab alles essen können, mir ist nicht schlecht geworden, ich hab kein Bauchweh gekriegt, keine Verdauungsbeschwerden gehabt Ich hab auf gut Bairisch einen Saumagen gehabt Das änderte sich schleichend Die unternehmungslustige Mutter einer Tochter fühlte sich immer häufiger grundlos erschöpft Das jahrelange Müdigkeits- und Erschöpfungssyndrom war der Vorreiter Was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, waren die Verdauungsbeschwerden Ich hab was gegessen und hab danach einfach ein Klo gebraucht Ich hab genau gewusst, wo die Toiletten in der Stadt oder in den Läden sind Ich bin auch in den Läden einkaufen gegangen, wo es Toiletten gibt, weil ich nie gewusst hab, wann ich auf die Toilette muss Viele Betroffene werden mit solchen Problemen von Arzt zu Arzt geschickt Steffi aber begann systematisch verschiedene Nahrungsmittel wegzulassen, nachdem ihr Hausarzt sie nicht ernst genommen hatte Es dauerte Monate, bis sie verstand: Es ist der Weizen, der sie krank macht Das Einkaufen hat sich seither sehr verändert An vielem, was Steffi früher gut schmeckte, geht sie nun vorbei Backwaren, Semmeln, Brot, Nudeln: alles tabu Und: Sie muss genau hinschauen Weizen geht gar nicht mehr, dabei versteckt er sich überall Sicherheitshalber kauft Steffi nur noch Produkte, die glutenfrei sind Eigentlich sind glutenfreie Produkte entwickelt worden für Menschen mit Zöliakie Eine Krankheit, die durch einen Gendefekt verursacht und durch Bluttests diagnostiziert werden kann Betroffene müssen strengstens auf Weizen verzichten Immerhin 1% der Bevölkerung London Gastroenterologen haben jedoch immer mehr Patienten in ihren Praxen, die nicht an Zöliakie leiden, aber ähnliche Symptome haben Good So, what we do is, we’re putting a needle in Is that okay? Yeah – Okay, off we go Annette Fritscher-Ravens hat Jahrzehnte an der Universitätsklinik in Kiel praktiziert und am Reizdarm geforscht Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie in London weiter in ihrem Spezialgebiet Schon früh nahm sie das Leiden ihrer Patienten ernst und suchte nach Wegen, ihnen zu helfen Das beste Beispiel ist ein Kranfahrer im Hamburger Hafen, der nicht mehr Kran fahren konnte Die kommen nicht runter vom Kran, so schnell wie sie aufs Klo müssen Die müssen ihren Beruf aufgeben dafür Das betrifft einen großen Teil der Bevölkerung, die über viele Jahre und Jahrzehnte auch nicht betreut werden konnten, weil wir gar kein Wissen über diese Erkrankung hatten Das Problem: Die Patienten saßen zwar mit Blähbäuchen vor den Ärzten, doch mit herkömmlichen Diagnosemethoden fand man für die Verdauungsbeschwerden keinen medizinischen Nachweis Fritscher-Ravens hat das geändert, mit einer bahnbrechenden Erfindung Sie hatte die Idee, das Endoskop um eine wichtige Funktion zu ergänzen

Während der Endoskopie bringt die Ärztin verschiedene im Verdacht stehende Nahrungsmittel auf die Darmschleimhaut auf So kann seit wenigen Jahren festgestellt werden, worauf genau die Patienten mit ihren diffusen Beschwerden reagieren Und damit gibt es handfeste Hinweise darauf, dass Verdauungsprobleme durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten keine eingebildeten Krankheiten sind Da ist ein wunderbarer Ausbruch Hier auch noch mal wieder Das ist wie der Vesuv, dass die Zellen komplett aufbrechen Und das hat man bei gesunden Patienten nicht Natürlich wissen wir aus unseren Studien, dass die Patienten eine gewisse Vorbelastung haben Das sind Atopiker: Menschen, die autoimmun geschwächt sind Wo durch Stresssituationen, durch die Pubertät, angeregt durch verschiedene auslösende Faktoren, diese, man kann es Insuffizienz, Sensitivität, Intoleranz nennen, diese Reaktionen auf diese entsprechenden Allergene beginnen Woran aber liegt es, dass offenbar immer mehr Menschen so empfindlich auf Weizen reagieren? Liegt es nur an ihnen oder doch am Weizen selbst? Freising Das ist ein super Weizen hier Der sieht ja klasse aus Der ist doch wunderschön Riesenähren und die langen Grannen Dr. Klaus Fleißner ist Züchtungsforscher an der Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising Auf seinen Versuchsfeldern hat er über 300 verschiedene alte Sorten angebaut Darunter Tiroler Dinkel, Keltischer Glattweizen und Schwäbischer Dickkopf-Landweizen Auf das Thema Weizenunverträglichkeit kam Fleißner eher zufällig Mir hat jemand mal gesagt, dass, wenn er Brot aus altem Weizen isst, dass er das besser verträgt als Brot von den großen Discountern Dann hab ich angefangen nachzugucken Ich hab im Internet, in Büchern geguckt Dann stellt man fest, dass da scheinbar was dran ist Da ist man dann wie so ein Kriminalkommissar: Man kriegt einen Hinweis auf ein Verbrechen und fängt dann an zu recherchieren Sein Fokus verschob sich auf die Weizensensitivität Seine These: Die Verträglichkeit des Weizens wurde in der Züchtung zugunsten der Backfähigkeit vernachlässigt Die Gene, die die Backeigenschaften bestimmen, an denen wurde viel herumgezüchtet, selektiert, gekreuzt Könnte hier also der Grund für die zunehmende Weizenunverträglichkeit liegen? Wenn ich die ganzen Literaturquellen durchgucke, findet sich keine Studie, die untersucht, ob alte Weizensorten wirklich verträglicher sind als neue Die Verträglichkeit von Weizen wird an drei Faktoren festgemacht Unter Experten werden drei Tatverdächtige diskutiert: 1. das Gluten: Ein Protein, das wegen seiner guten Backeigenschaften wichtig ist Zugleich ist es ein starkes Allergen, wie viele Eiweiße 2. die sog ATI, Amylase Trypsin Inhibitoren, ebenfalls Proteine Sie haben zwei Aufgaben: Sie regulieren die Keimung und das Wachstum der Pflanze 3. die FODMAPS: Das sind bestimmte Kohlenhydrate, die auch im Verdacht stehen, den Reizdarm zu verursachen Es wär interessant zu wissen, ob alte Sorten weniger oder andere Stoffe haben als die neuen Sorten Mir geht’s um die Erhaltung alter Sorten Wenn ich einen Beweis finden könnte, dass diese alten Sorten für die Ernährung besser sind, dann hab ich natürlich ein gutes Argument, dass die Leute das wieder in den Anbau bringen Hamburg Hier wird Hochleistungsweizen verarbeitet GoodMills ist der größte Industriemühlen-Verbund Europas Sie beliefern Supermärkte, Bäcker und die Backindustrie gleichermaßen Die Müller waren von jeher diejenigen, die die Wünsche der Bäcker erfüllten Heutzutage gibt es eine ungeheure Vielfalt an Mehlqualitäten, die von GoodMills zur Verfügung gestellt werden

Der Kunde möchte mit dem Weizen, den wir ihm verkaufen, immer ein gelingsicheres Produkt haben D.h., wir müssen durch entsprechende Prozesse einstellen, dass immer das gleiche Produkt, das gleiche Volumen herauskommt Nehmen wir das Beispiel der Kekse: Sie müssen in eine Verpackung gepackt werden Die dürfen nicht 2 mm breiter sein, dann passen sie nicht mehr in die Verpackung Wir müssen sicherstellen, dass ein Keks max. 0,1 mm breiter oder länger ist als die Vorgabe vom Kunden Weizen passt sich den Anforderungen industrieller Verarbeitung optimal an Das Ergebnis jahrzehntelanger Züchtung Mit keinem anderen Getreide lässt sich so vielfältig und zuverlässig backen, wegen des Glutens Das Gluten, auch Kleber-Eiweiß genannt, ist verantwortlich dafür, ein Klebergerüst aufzubauen Das heißt: Beim Brotbacken entstehen Gase, diese werden in kleinen Bläschen festgehalten Wenn Sie ein Brot aufschneiden, sehen Sie diese Krumenstruktur, diese offenen Poren, das sind letztendlich Gasbläschen Die Wände dieser Poren bestehen sehr stark aus dem Gluten Der erste Tatverdächtige: das Gluten Weizen ist hexaploid, d.h. er hat drei Chromosomenpaare: Je ein doppeltes Chromosomenpaar A, B und D Das Gluten ist hauptsächlich auf dem D-Chromosom kodiert, welches damit verantwortlich ist für die Glutenqualität Darauf liegt seit Jahrzehnten der Fokus der Züchtung GoodMills Antwort auf die zunehmende Weizenunverträglichkeit ist daher ein Brot, das aus Weizen ohne D-Genom gebacken wird Die Herausforderung ist, ohne Gluten eine Teigstruktur zu entwickeln, die wie normales Brot aussieht, mit Bläschen und Kruste, und möglichst auch so schmeckt Auch die Industrie reagiert auf die wachsende Nachfrage nach verträglicheren Produkten Wir suchen nach gesünderem Weizen seit sicherlich 10-20 Jahren Diesen zu finden ist nicht ganz einfach Die erste Frage ist: Was ist eigentlich die Ursache für eine Unverträglichkeit? Da die Wissenschaft sich da nicht einig ist, ist es schwierig zu sagen, was das Ideal ist Burgstall in Südtirol Die Angst vor dem Weizen ist ein großes Zukunftsthema in der Lebensmittelindustrie V.a. Hersteller glutenfreier Nahrungsmittel profitieren davon, allen voran Dr. Schär in Südtirol Erst 2017 ist die Firma mitsamt ihrer Produktion in ein neues Gebäude gezogen Wie sehr die Nachfrage gestiegen ist, zeigt sich an den Zahlen des Markführers Seit 2009 haben sich die Umsätze fast verzehnfacht Der gelernte Drogist Ulrich Ladurner hat auf das richtige Pferd gesetzt Aus der Traditionsfirma für Müsli-Zutaten entwickelte er zunächst den Marktführer für glutenfreie Nahrungsmittel, speziell für Zöliakie-Kranke Aus dem Nischenprodukt im Reformhausregal entstand ein gefragtes Lifestyle-Produkt für alle, die den Weizen fürchten Es gibt fast alles: von der Pizza bis zum Keks Wichtig für Zöliakie-Patienten, die absolut keinen Weizen essen dürfen Aber auch Menschen mit Weizenunverträglichkeit sind froh um die glutenfreien Mais- und Reisprodukte des Unternehmers Doch können solche Produkte, wie jede Diät, nicht auch Mangelerscheinungen zur Folge haben? Ich bin überzeugt, wir brauchen da kein schlechtes Gewissen haben Wir haben so viel gemacht, uns so viel mit neuen Getreiden beschäftigt, die überhaupt nicht mehr auf dem Tapet sind: Hirse, Buchweizen, das sind alles Getreidesorten, die früher Grundlagen des Lebens waren, und die heute aus technischer Sicht dem Weizen unterlegen sind, aber aus Ernährungssicht dem Weizen überlegen sind Ich glaube schon, dass wir eines erreicht haben: Ein Gleichgewicht zu ganz normalen Produkten herzustellen Die Angst vor Weizen bringt satte Gewinne Aber sie befördert eben auch die Rückbesinnung auf andere Getreidesorten, nicht zuletzt auch auf die alten regionalen Sorten St. Georgen in Österreich Umgeben von Getreidefeldern steht im Salzburger Land der Hofladen von Biobauer Manfred Eisl und seiner Familie Ihre Landwirtschaft haben sie schon 1991 umgestellt

In seinem Angebot führt er eine Rarität: Brot aus dem Laufener Landweizen, den er seit einigen Jahren auch selbst anbaut Er wächst direkt vor seiner Haustür Der Wiederanbau ist ein Projekt, das von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege im Grenzgebiet Bayern-Österreich gefördert wird Bei unserem Betrieb haben wir mit einem halben Hektar begonnen, mal anzuschauen, wie der Laufener Landweizen hier wächst und gedeiht Und wir haben sehr gute Erfahrungen gehabt Das Problem war in den ersten Jahren: Wir haben fast keinen Absatz gehabt Das hat sich erst nach 3-4 Jahren entwickelt Da ist die Nachfrage angegangen und die Menge ist stetig gestiegen Die Menge in Salzburg und im angrenzenden Bayern sind heuer 50 Hektar Das ist eine sehr ansehnliche Menge, die angebaut wird Bessere Verträglichkeit durch regionale alte Sorten? Auch Bäcker haben gute Erfahrungen damit gemacht Mainz Prof. Detlef Schuppan forscht an der dortigen Universitätsklinik Seine Thesen werden in der Züchtergemeinschaft ebenso heftig diskutiert wie in der Backbranche Denn er macht für Durchfall, Blähungen und Gelenkschmerzen die sog ATI verantwortlich, eine ganz andere Proteingruppe als das Gluten Dass wir die ATI als entzündliche Substanzen im Weizen identifiziert haben, war erst mal eine Zufallsentdeckung Da wir zunächst das Gluten vermutet haben, wie heute noch viele Forscher und auch Patienten Aber es ist nicht das Gluten, es sind die ATI, völlig unterschiedliche Proteine Der zweite Tatverdächtige: die ATI Eine weitere Proteingruppe im Weizen Sie regulieren die Keimung und das Wachstum der Pflanze Schuppan ist es gelungen, die ATI zu isolieren und an Mäuse zu verfüttern Unter dem Mikroskop sind die Folgen für die Mäusedärme gut zu erkennen Über den Darm verstärken die ATI chronisch entzündliche Erkrankungen Hier haben wir ganz viele Entzündungszellen Da haben die Tiere ATI bekommen Wir haben einen Verlust des Darmepithels Was hier völlig normal ist, während die Tiere, die hier ATIs bekommen haben in der Nahrung, eine schwere Entzündung haben Inzwischen belegt Schuppan mit seinem Forschungsteam ein ganzes Stockwerk Es ist ihm gelungen, viele sog Drittmittel zu bekommen Der nächste Schritt ist, ein Verfahren zu entwickeln, um ATI-reduzierten Weizen zu züchten Seine Hoffnung: Dann wären Pizza, Nudeln oder Semmeln wieder besser verträglich, und trotzdem schmackhaft Das ATI ist ein völlig unwichtiger Faktor Der trägt weder zum Geschmack noch zur Konsistenz und zur Textur bei Wenn wir das ATI deutlich reduzieren oder entfernen, und das Gluten drin lassen, werden wir weiterhin gute Backwaren haben Abgesehen von Zöliakiekranken wäre das Gluten dann rehabilitiert Eine gute Nachricht für die Backindustrie Freising Am Leibniz-Institut für Lebensmittel- Systembiologie der TU München wird in Kooperation mit Prof. Schuppan der ATI-Gehalt verschiedenster Weizensorten bestimmt Jede Sorte wird hier auf ihre Backeigenschaften hin analysiert: Elastizität, Krustenbildung, Färbung: alles wichtige Aspekte Das Gluten-Netzwerk ist schön aufgegangen Das ist sehr gleichmäßig geworden Der Verbraucher könnte das direkt so verwenden Kann man mit den hier gewonnenen Daten den Verdacht bestätigen, dass ATI tatsächlich Weizenunverträglichkeit auslösen? Dr. Katharina Scherf hat Zahlen, die dem widersprechen Aus einem Projekt im Institut haben wir schon erste Erkenntnisse zu den ATI-Konzentrationen in Weichweizen, Durumweizen, Emmer, Einkorn und auch Dinkel Da finden wir sehr interessante Ergebnisse: Unter anderem, dass die Gehalte im Dinkel höher sind im Vergleich zu Weichweizen Der Dinkel hat mehr ATI als moderner Weizen? Die Forschungsergebnisse sind wirklich sehr widersprüchlich und stehen im Gegensatz zu dem, was Verbraucher erleben Man hört diese Aussage von sehr vielen Verbrauchern, dass sie sagen, sie können ein Dinkelbrot gut essen und vertragen Wenn sie eines mit Weichweizen nehmen, entsprechend nicht Liegt die Unverträglichkeit dann vielleicht doch am Gluten? Wir hatten schon ein großes Projekt und haben uns sehr genau angeschaut,

wie die Glutenzusammensetzung in Weichweizen und in Dinkel ist Wir konnten da relativ geringe Unterschiede finden Es kann allerdings sein, dass es nicht die Proteine selbst sind, sondern andere Inhaltsstoffe im Dinkel Beispielsweise die Kohlenhydrat-Fraktion, die FODMAPS, was fermentierbare Kohlenhydrate sind Es könnte sein, dass diese eine Rolle spielen Die dritten Tatverdächtigen: die FODMAPS FODMAP ist eine Abkürzung für eine Gruppe von Kohlenhydraten im Weizen, die beim Gärvorgang im Teig abgebaut werden können Es kann sein, dass die Verarbeitung des Mehls in dem Fall sehr wichtig ist Genau das wollen wir im weiteren Projekt sehr gezielt erforschen Dinkel wird meist als Vollkornmehl verwendet und Weichweizen eher als weißes Auszugsmehl Allein das macht schon einen Unterschied Die Verarbeitung ist dann auch unterschiedlich, wie die Proben vermahlen werden, wie sie fermentiert werden, wie die gesamte Prozessführung ist, bis hin zum fertigen Brot Teisendorf im Berchtesgadener Land Bei der Prozessführung gibt es große Unterschiede zwischen der Industrie und dem traditionellen Bäckerhandwerk Andreas Neumeier gehört in den Verbund der Bauern, Müller und Bäcker, die den Laufener Landweizen verarbeiten Er gibt seinem Teig 22 Stunden, um zu gehen Im Vergleich zur halben Stunde in der industriellen Backstraße Wir machen alles über Langzeitführung Wenn das Produkt aufgemacht ist, kommt es noch 5-6 Stunden in die Kühlung Da bauen sich verschiedene Stoffe ab, wo vielleicht der eine oder andere eine Unverträglichkeit hat Hefe und Milchsäurebakterien bauen viele schädliche Stoffe während des Gärens ab Die Milchsäurebakterien im Sauerteig nutzen gerade Gluten und FODMAPS für ihr Wachstum, womit diese fertigen Brot nicht mehr enthalten sind Das Problem: Weder der lange Gärprozess noch der Laufener Landweizen sind für die industrielle Produktion geeignet Maschinell geht da nix, nein Das ist reine Handarbeit Der entwickelte Teig, die Teigstruktur wird kaputt mit Druck oder wenn man die durch die Maschine lässt Dann ist das eigentlich kaputt, ja Es ist ein regionales Produkt, speziell für die Menschen im Rupertiwinkel Aber ein Modell, das sich durchaus übertragen lässt Beim Essen spielt möglicherweise auch die Überzeugung eine große Rolle Zu wissen: Das Brot ist regional, bio und vollwertig, kann schon positive Auswirkungen auf die Verträglichkeit haben Zurück in London Die Ärztin Annette Fritscher-Ravens hat eine schlechte Nachricht für ihren Patienten Nesa Sie hat in der Endoskopie bei dem jungen Mann eine Weizen-Unverträglichkeit diagnostiziert Hier kannst du sehen, dass das Kontrastmittel explodiert ist Das bedeutet eine große Veränderung Das heißt: kein Brot, keine Pizza, kein Burger Wie? Messegelände München Auf der Internationalen Back-Messe Hier zeigt sich: Trend ist der Snack to go Schnell produziert und schnell konsumiert Immer mehr Filialbäcker setzen darauf Das langsame Backen wird zur Nische Eine gute Gelegenheit für zwei alte Freunde, sich zu treffen Prof. Schuppan ist zu einem Vortrag über die ATI eingeladen Die Weizenunverträglichkeit wird auch in der Backindustrie allmählich zum Angstthema Eigentlich wäre doch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefragt, die Züchtung von Weizen und seine Verarbeitung unter dem Aspekt der Gesundheit und Verträglichkeit zu untersuchen Gefördert wird aber nur die Forschung zur Weizen-Unverträglichkeit Ergebnisse gibt es zudem noch nicht Also bleibt das Thema wohl bis auf Weiteres in den Händen der Experten Prof. Schuppan hofft, dass die Politik doch noch auf die Dringlichkeit des Problems aufmerksam wird In Zusammenarbeit mit einer Bäckerei lässt er inzwischen Brot mit ATI-freiem Weizen produzieren Und wo kann man die jetzt kaufen? – Das ist in der Entwicklung Mehr Anbau alter Weizensorten ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für die Zukunft Straßmoos in Oberbayern Jetzt sehen wir hier Dinkel

Der steht noch sehr gut, worüber ich sehr glücklich bin Aber wenn wir ein bisschen weitergehen, dann sieht man das ganze Unglück in seinem Ausmaß Was hier passiert ist, ist typisch für alte Sorten Diese Sorten sind vor 100 Jahren angebaut worden, als es noch keinen Kunstdünger und noch keinen Pflanzenschutz gab, auch keine Halmverkürzer Diese alten Sorten sind Opfer des Stickstoffdüngers geworden Sie sind zu schnell gewachsen, wurden schwammig und vom starken Wind gelegt Der moderne Weizen nebenan dagegen, er steht tadellos Der Weizen steht, aber die sehen alle aus, als wären sie verwandt: Da ist keine Vielfalt mehr drin Wenn ich hier reingucke, in die paar, die noch stehen, da sehe ich schon mal genetische Vielfalt Hier steht ein Weizen, daneben steht ein Dinkelweizen Okay, es hat ihn reingelegt Aber das ist nicht der Fehler des Weizens, das ist unser Fehler Wenn wir zu diesen alten Sorten zurückgehen, dann müssen wir wieder lernen, wie Landwirtschaft vor 100 Jahren funktioniert hat Also zurück in vorindustrielle Zeiten? Was ist dann mit den Erträgen? Würde man jemals genug ernten können, um die Weltbevölkerung zu ernähren? Nein, also das nicht Wir werden mit den alten Sorten keine 100 Dezitonnen pro Hektar kriegen wie mit modernen Weizen Also das nicht Aber es geht auch nicht um Ertrag bei den alten Weizensorten, es geht um den Erhalt der genetischen Vielfalt Und da gibt es noch einiges zu entdecken Im Internet recherchiert Fleißner Stammbäume und findet Belege dafür, dass lange sehr einseitig gezüchtet wurde Was wir sehen, ist, dass gewisse Sorten überall auftauchen Immer wieder wurde auf den gleichen Genpool zurückgegriffen, immer wieder tauchen dieselben Sorten auf: Sorten, die hohen Ertrag und gute Backeigenschaften versprechen Wenn die sagen, sie haben alles mitgenommen, dann kaufe ich denen das nicht ab Es ist einfach so, dass 50% bei einer Kreuzung verloren gehen Wissen die, was verloren gegangen ist? Sicher nicht Sicher ist: Es gibt eine Zunahme der Weizenunverträglichkeit, die offenbar zusammenhängt mit der industriellen Verarbeitung und dem dafür optimierten Weizen Die Forschung dazu ist noch lange nicht zu Ende Alte Sorten könnten ein wichtiger Baustein zur Lösung sein Aber: Züchtungsforschung ist ein langwieriges Geschäft Was ich gerne haben möchte, ist, dass man Weizen züchtet für den Menschen Und nicht Weizen für irgendeine industrialisierte Nahrungsmittelproduktion Untertitelung: BR 2019