Japan – Das Land der aufgehenden Sonne | Unterwegs mit Fotograf Patrick Rohr | Doku | SRF DOK

* Sanfte asiatische Klänge * MIT TELETEXT-UNTERTITELUNG (Tokio. Was für eine Stadt.) (Gerade noch sass ich im Flugzeug und nun: Menschen, Menschen, Menschen.) (Ich bin Patrick Rohr.) (Bis vor ein paar Jahren war ich Fernsehmoderator.) (Heute bin ich als Fotojournalist auf der ganzen Welt unterwegs.) (In Japan möchte ich ein Buch mit Bildern und Texten über dieses Land machen.) (Ich will wissen, wie die Menschen leben, was sie denken.) (Ich bin froh, reist Dennis Ginsig mit mir.) (Dennis ist Halbjapaner: Der Vater ist Schweizer, die Mutter kommt aus Japan.) (Aufgewachsen ist Dennis in der Schweiz.) (Er spricht aber auch Japanisch und lebte eine Zeit lang in Japan.) (Darum ist er für mich nicht nur Sprach-, sondern auch Kulturübersetzer.) (In Japan blickt man nicht einfach so dahinter.) (Bis man nur schon die vielen Verhaltensregeln begreift.) (Beim Essen zu schlürfen ist für uns z.B. unanständig.) * Schlürfen * (In Japan ist das normal.) (Nur so entfalte sich der volle Geschmack des Essens im Mund, erklärt mir Dennis.) (Ich kann mir vorstellen, dass diese Reise sehr spannend wird.) (Ich freue mich auf das Abenteuer.) * Sanfte japanische Musik * (Man sagt, Japan sei eine Insel.) (Das stimmt nicht ganz: Japan besteht aus über 6’800 Inseln.) (Sie liegen im Pazifischen Ozean.) (Die nächsten Nachbarn sind Russland, China, Nordkorea, Südkorea und Taiwan.) (Meine Reise beginnt in Tokio, der Hauptstadt Japans.) (10 Mio. Menschen leben hier, 42 Mio. sind es im Grossraum Tokio.) (Dennis hat mir empfohlen, fernzusehen.) (Das japanische Fernsehen sei sehr lustig.) Zu-gu-zugucken. Zu-gu-zugucken (Sehr lustig und zu meiner Über- raschung auch sehr schweizerisch.) Schau mal, diese Muskeln! * Japanisch * (Tatsächlich ist die junge Frau im Heidi-Kostüm halb Schweizerin, halb Japanerin Ihr Name: Christine Haruka Sato.) * Sie sprechen japanisch. * (Als Haruka Christine ist sie in Japan ein grosser Star.) (Sie ist eine sog. TV-Personality: jemand, der in verschiedenen Rollen im Fernsehen auftritt – als Moderatorin von Spielshows, als Talk-Gast, als Kultur- und Politkommentatorin.) (Laut, übertrieben) Auf Wiedersehen! (Lieblich) Sayonara (Haruka Christine ist eine spannende Person.) (Mit 16 ging sie von Zürich, wo sie aufgewachsen war, nach Japan, ins Heimatland ihres Vaters. Allein, ohne Eltern.) (Ich durfte sie kennenlernen, was nicht selbstverständlich ist bei ihrem Terminkalender.) Die sind aber gar nicht scheu (Wir treffen uns in einem Park in Tokio.) (Ein ruhiges Gespräch mit ihr zu führen, ist fast nicht möglich.) (Die Leute sind völlig aus dem Häuschen.) (Haruka meint, das sei, weil die Kirschblüten blühen.) Warum ist das Ausbrechen der Kirschblüten in Japan etwas Besonderes? Die Kirschblüte selbst sieht man nur eine Woche lang Und das bedeutet Frühling in Japan Es ist genau die Zeit, in der das Schuljahr aufhört und wieder anfängt Und da sitzt man einfach mit einer Decke auf die Wiese, feiert und trinkt bis in die Nacht hinein? Ja, man hat Spass, isst z.B. Pizza * Christine spricht japanisch. * Was hast du Lustiges gesagt? Sie blühen noch nicht so stark Und was haben sie gesagt? Sie sehen sehr viele Blüten, vermutlich wegen des Alkohols Doppelt so viele (Ich bin überrascht.)

(Ich dachte immer, die Japaner seien ein ruhiges, kontrolliertes Volk, zurückhaltend.) (Jetzt erlebe ich, wie sie ausgelassen feiern und sogar am helllichten Tag eins über den Durst trinken.) (Wirklich zurückhaltend sind sie auch nicht.) Wo ist der Bahnhof? Dort hinten? – Ja In der Nähe, dort drüben Oh, schau Der ist gar nicht schüchtern (Fotografieren und fotografiert zu werden scheint in Japan kein grosses Thema zu sein.) Wir gehen in einen Nudel-Shop, Ramen-Shop Ramen – Ramen Okay, gern. Ich habe grossen Hunger – Das ist typisch japanisch Das ist der Automat, hier muss man bestellen Wir geben jetzt die Bestellung ein? – Ja Okay – Da kommen die Tickets raus 1’000 2’000 Man zahlt im Voraus Dann wählt man, was man will Genau – Okay Das ist Ramen mit Nudeln Refill Das ist nur Ramen Es hat alles drauf, aber wenn man noch mehr will, kann man hier drücken Mir reicht das hier Einmal drücken? – Genau Sehr praktisch – Gut. Bravo Das war’s. Schon bezahlt und alles Einmal Dessert für mich, einmal Ramen, und einmal Ei Ich wäre schon wieder aufgeschmissen Steht alles auf Japanisch Und jetzt? Das sind die freien Plätze Hier können wir sitzen? – Genau Mir gefällt’s hier Das Spezielle an Ichiran ist: Man kann sehr gut allein kommen Man sieht nicht, wie die anderen essen Das ist gut Und das hier? – Das ist Water Sehr praktisch Das finde ich so genial an Japan, man denkt immer an alles Das ist Ichiran Du hast die Nudeln zwar bestellt, aber noch nicht gesagt, wie du die Nudeln haben willst Das kann ich jetzt ausfüllen – Genau Dann hier drücken Speziell ist: Man sieht die Leute nicht, und sie sehen uns nicht Sehr eigenartig Schüchterne Japaner können allein hierherkommen (Und schon bringt ein gesichtsloser Kellner die Suppe.) Wie sagt man? – Itadakimasu Itadakimasu – Itadakimasu (Kellner, die man nicht sieht, Gäste, die sich abschotten – speziell.) (Geht man sich in Japan überhaupt aus dem Weg?) (Stimmt es, dass man in Japan keine Meinung haben darf?) Viele haben ihre Meinung, aber sie sagen sie trotzdem nicht Weil sie vielleicht Angst haben, dass andere eine unterschiedliche Meinung haben könnten und sie dann nicht mehr gut miteinander auskommen Dass der ganze Mensch irgendwie abgelehnt wird – Ja Also nicht nur die Meinung Die Stimmung ist sehr wichtig Wahrnehmen, was um einen herum passiert Die Stimmung lesen, ja (Ein lehrreiches Essen mit Haruka Christine.) (Wir gehen noch ein Haus weiter.) Und jetzt? Zum Schluss bringe ich dich noch an einen typisch japanischen Ort Das Blaue dort? – Das Blaue, ja Okay. Und das heisst? Karaoke – Oh! * Sanfter Gesang auf Japanisch * Schön Vielen, vielen Dank – Vielen, vielen Dank * Pulsierende Musik * (Am Abend will mir Dennis das Tokioter Nachtleben zeigen.) (Bevor er in Zürich seinen Job als Digital Designer bei einem Laufschuhproduzenten antrat, hatte er in Japan studiert und in Tokio gearbeitet.) (Er weiss, wie man sich in der Stadt bewegt.)

Ist es hier eigentlich sicher? Ich habe mein Portemonnaie hier in der Tasche Ich trag meins hinten In Japan geht das, finde ich Sie sind sehr streng in Japan Strafen sind sehr drakonisch Du verlierst dein Gesicht Wenn du was anstellst, wissen das alle (Weil die Japaner ein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl haben, gibt es Dinge, die man einfach nicht tut – stehlen z.B.) (Die Angst vor dem Gesichtsverlust hat also durchaus ihre Vorteile.) Kabukichō – Kabukichō Das ist ein Rotlichtviertel von Tokio Geht hier die Tokioter Bevölkerung aus? Oder nur, wenn man auf der Suche nach dem Rotlicht ist? Nein, es gibt auch gute Bars Man kann hier gut was trinken (Am Rand von Kabukichō liegt Golden Gai, das alte Prostituiertenviertel.) (Die Prostitution ist seit Ende der 1950er-Jahre verboten.) (Heute sind da, wo früher die Bordelle waren, Bars.) (Einige Hundert – schön ineinander verschachtelt und meist nicht grösser als ein Wohnzimmer.) Ist es okay? Konichiwa * Gemütliche japanische Rap-Musik * Grossartig, hier gefällt es mir – Es ist klein Schau, all die Drinks! Stammgäste haben ihre eigene Flasche Ah, jeder Gast hat seine eigene Flasche? Angeschrieben mit dem Namen des Gastes Wenn ich hier Gast wäre, hätte ich meine eigene Flasche und würde jede Nacht hierherkommen? Nicht jede Nacht. Vielleicht einmal pro Woche, oder zweimal Kanpai – Kanpai.- Kanpai My name is Patrick Ich habe heute gelernt, dass ich es so betonen muss: Pa-torick Arbeitest du hier oder gehört dir die Bar? Nein, das hier ist nicht meine Bar Ich habe zwei Jobs Ich verkaufe Secondhandkleider und arbeite hier Du verkaufst Kleider? Die Kleider kaufe ich in den USA, bringe sie hierher und verkaufe sie online Du reist also viel? Ja, ich besuche meine Verkäufer jedes Jahr Das Leben in Tokio muss teuer sein Ja, sehr teuer In den USA kostet dieses Shirt 1-2 $, in Japan 5’000-6’000 Yen 50 $ – 50 Fr.? Du kaufst sie für 2 $ und verkaufst sie für 5’000 Yen? Das ist ein Geheimnis Du bist ein guter Verkäufer I love money (Yugo ist mir sympathisch.) (Am liebsten würde ich ihn bei ihm zu Hause fotografieren.) (Dann sähe ich auch gleich, wie jemand wie Yugo lebt.) (Ich frage ihn, ob wir ihn zu Hause besuchen dürften. Er sagt Ja.) * Sanfte Musik * (Dennis ist überrascht.) (Dass man in Japan jemanden zu sich nach Hause einlade, sei eher ungewöhnlich.) (Normalerweise finde das Sozialleben ausserhalb der eigenen vier Wände statt.) Hier ist er Konichiwa. Guten Tag, wie geht es? Gut. Schön, dich wieder zu sehen (Yugo ist 37. Seit ein paar Monaten wohnt er wieder bei seinen Eltern.) Das ist der Laden? Grossartig! Das ist, was du online verkaufst, was du in deinem Webshop verkaufst? Und alles ist aus zweiter Hand? – Ja Ähm … ja. 90 % Hier Hier (Das Leben in Tokio ist sehr teuer.) (Darum hat Yugo, wie viele Japaner, zwei Jobs. Das ist anstrengend.) (Aber noch viel anstrengender war sein Leben als Büroangestellter, als sog. Salaryman.) Manchmal konnte ich nachts nicht nach Hause Ich arbeitete in der Firma und schlief in der Firma Wirklich? – Yeah Du schliefst im Büro? Wo, am Schreibtisch? Am Schreibtisch Auf dem Schreibtisch. So: Echt? Und am Morgen aufwachen und weiter arbeiten? Ja. Oft Wie lange hast du das gemacht? – Vermutlich acht Jahre

Acht Jahre! – Ja, etwa acht Jahre (Jetzt hat er mehr Freizeit und auch mehr Freiheit.) (Aber es gibt Dinge, die als Selbstständiger nicht möglich sind – z.B. eine eigene Wohnung kaufen.) (Ohne festes Einkommen geht das in Japan nicht.) (Dafür lebt er mit seinem Webshop einen grossen Traum.) Wow Wie findest du hier etwas? Weisst du, was wo liegt? Ja – Wo ist das Patagonia-Shirt? Ich erinnere mich Du hast also ein System, ohne ein System zu haben? Ein System? Nein Kann ich dir helfen? – Ja Ich kann einpacken Jetzt das Shirt? Ich muss die Adresse schreiben Oh, kann ich probieren, die Adresse zu schreiben? Du? Auf Japanisch? – Ich kann’s versuchen Sind das chinesische oder japanische Zeichen? Oder ein Mix? Das sind Kanji. Japanische Zeichen, aber ursprünglich aus China Chinese original – Okay Like this cross. Okay Sehr gut Es ist schwierig, echt – Nein, du machst das gut Ich glaube, der Name reicht, hier hat es mir zu viele verschiedene Zeichen Kannst du die Adresse schreiben? Ich? – Ja Was wird dein Kunde denken? Sehr gut. Besser als meins Ach, hör auf! (Langsam ist unser Verhältnis so gut, dass ich frage, ob ich ein paar Fotos machen dürfe.) Schau ernst! (Meine Vermutung war richtig: Yugo daheim ist ein gutes Sujet.) Ein ganzes Leben in einem Bild (Und er ist ein guter Mensch.) Ich wünsche dir viel Glück mit deinem Shop und in der Bar Bye-bye (Yugo macht etwas, das in der japanischen Gesellschaft nicht viele wagen: Er geht seinen eigenen Weg.) (Ich bin froh, haben Dennis und ich schon vorher beschlossen, nach einer Woche Tokio ein paar Tage aufs Land zu fahren.) (Im Gewühl des Bahnhofs Shinagawa suchen wir den Weg zum Shinkansen, dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug, der auf einem eigenen Schienennetz bis zu 320 km/h schnell fährt.) (Vor dem Einsteigen machen wir es wie die Einheimischen: Wir kaufen eine Bento-Box, eine kleine Schachtel mit lokalen Spezialitäten.) (Take-away auf Japanisch.) (Sehr gesund und für 10 Fr. auch recht günstig.) Du darfst nicht dort gehen (Der Shinkansen ist ein Wunderzug: Genau da, wo es auf dem Bahnsteig eingezeichnet ist, ist die Tür zum Einsteigen.) (Und pünktlich fährt der Zug auch wieder los.) (Präziser geht’s fast nicht.) In Japan isst du immer im Kreis Im Ernst? Unten links oder oben rechts? Ich würde beim Reis anfangen, ich weiss nicht, was korrekt ist Es ist alles sehr fein, mal süss, mal salzig, mal sauer Ich liebe es Darum musst du im Kreis essen, um die Zunge wieder aufzufrischen Süss, salzig, sauer * Sanfte japanische Musik * (Von Tokio sind wir mit dem Zug nach Toyama im Westen gefahren.) (Jetzt sind wir mit dem Auto ins Bergdorf Ainokura unterwegs.) (Übermüdet und im Linksverkehr.) Kannst du mir aus meiner linken Jackentasche ein Reisküchlein geben? Ich habe einen Hungeranfall Das ist toll an den Snacks Hey, du bist in die Dinger reingefahren! Was?- In die orangen Pfosten auf der linken Seite Das kann nicht sein – Der Spiegel ist verschoben Was? – Du bist reingefahren Ich hab’s gehört – Okay Was? – Bumm, bumm hat’s gemacht Auch das japanische Navi ist gewöhnungsbedürftig Falls alles schiefgeht, dort sind die Berge

Und da müssen wir hin (Wir übernachten im privaten Haus einer Gastfamilie. Einem Minshuku.) (Inbegriffen sind die Übernachtung, das Abendessen und das Frühstück.) (Bed and Breakfast auf Japanisch.) (Wie in allen traditionellen Häusern in Japan schläft man auf einem Futon auf dem Boden, der mit Tatami-Matten ausgelegt ist.) (In meinem Zimmer versteckt sich hinter drei Schranktüren ein aufwendiger buddhistischer Schrein, eine Art Hausaltar, wie es ihn in den meisten japanischen Häusern gibt.) * Sie spricht japanisch. * Sie sagt, das Zimmer mit dem Hausaltar sei das schönste, das man vergeben kann (Plötzlich steckt ein Mann den Kopf durch die Tür.) (Es ist Hiroshi Yamazaki, Mayumis Mann.) (Mir gefalle sein Haus, sage ich ihm, und er erklärt mir ein paar Eigenheiten.) Der Rauch stieg hoch und schwärzte das Holz Darum sind alle Würmer und andere Schädlinge, die das Holz kaputt machen würden, weg Alles aus Holz, kein einziger Nagel * Sanfte japanische Klänge * (Es ist kalt in Ainokura.) (In japanischen Häusern gibt es keine Heizungen, nicht einmal in den Bergen.) (Aber frieren müssen wir in der Nacht trotzdem nicht.) (Aus dem Feuer, in dem Mayumi den Fisch fürs Abendessen brät, nimmt sie ein Stück Kohle und legt es in einen Tonbehälter.) (Diese traditionelle japanische Bettflasche hält uns die ganze Nacht wunderbar warm.) * Sanfte japanische Musik * (Am nächsten Morgen schneit es.) (Eine gute Gelegenheit, eine der heissen Quellen zu besuchen, einen Onsen.) (Hierhin gehen viele Japanerinnen und Japaner für ihr tägliches Wasch- und Baderitual.) Das ist der Vorraum Hier machst du dich bereit Alles ausziehen? – Genau Das kleine Tuch kannst du mitnehmen Dort musst du dich von Kopf bis Fuss waschen, bevor du ins Bad gehst Du hast ein Tattoo? – Ja, warum? In Japan ist es schwierig, wenn du in ein Bad gehen willst Schwierig im Sinn von Es wird assoziiert mit den Yakuza, also der japanischen Mafia Haben das nur die Bösen? Es ist verboten Aber du kannst es versuchen (Ich wage es.) (Zum Glück sind an diesem Morgen auch nicht viele Leute im Onsen.) (Das Waschen vor dem Baden ist wichtig.) (Dabei wird nicht nur der Körper, sondern auch der Geist gereinigt.) (Erst wenn man ganz sauber ist, geht man ins heisse Bad.) (Ein schönes Ritual – und man kann sich dabei wunderbar entspannen.) * Sanfte japanische Musik * (Wir sind bereit für die Fortsetzung unseres Abenteuers.) (Navi) In about 5 km turn left * Sanfte japanische Klänge * (Ich startete meine Reise vor einer Woche in Tokio.) (In den letzten Tagen war ich im kleinen Bergdorf Ainokura im Westen des Landes.) (Jetzt bin ich unterwegs nach Onagawa im Nordosten.) (Es gibt einen Grund, warum ich genau in diese Stadt will.) (2011 hat der Tsunami Onagawa komplett zerstört.)

* Sanfte, bedrückende Klänge * (Onagawa war ein lebendiges Fischerstädtchen.) (10’000 Menschen wohnten hier.) * Unheimliche Klänge * (Der Tsunami schluckte alles.) (Das Meer, das den Menschen so viel gibt, nahm ihnen alles.) (827 Menschen kamen hier in Onagawa ums Leben.) (Die Stadt hat sich vom Tsunami noch immer nicht erholt.) Schau mal hier, Reste der Häuser – Oh, ja Wow (Viele Leute zogen weg und kamen nie mehr zurück.) (Heute leben in Onagawa ein Drittel weniger Menschen als vor dem Tsunami.) (Früher war Onagawa ein beliebtes Touristenziel.) (Jetzt gibt es im Zentrum keine Hotels mehr.) (Mein Reisebegleiter Dennis Ginsig und ich müssen in einer Containersiedlung übernachten.) * Bedrückende Klänge * (Am nächsten Morgen sehe ich, wie weit fortgeschritten der Wiederaufbau ist.) (Mein erster Eindruck von gestern täuscht: Onagawa entsteht nicht unten am Meer neu, sondern v.a. rund ums alte Zentrum, an den Hängen.) (Teils schüttete man in den letzten Jahren ganze Hügel neu auf, damit die Wohnhäuser in Zukunft vor dem Wasser sicher sind.) (Auch das neue Zentrum liegt höher als vor der Katastrophe – 8 m schüttete man hier auf.) (Wohnhäuser gibt es hier keine mehr, nur noch Läden und Restaurants.) (Der Bürgermeister sagt, das neue Zentrum solle ein Begegnungsort werden.) Sie beschlossen nach dem Tsunami, Bürgermeister von Onagawa zu werden Ja, üblicherweise fängt man in der japanischen Gesellschaft erst mit 60 an, Verantwortung für viele Dinge zu übernehmen Ich glaube, dass meine Generation die Verantwortung für die ersten Schritte der Wiederauferstehung dieser Stadt übernehmen soll In Japan gibt es viele Regeln, die einschränken Wenn wir nach der Zerstörung hier einen neuen Ort frei gestalten könnten, sähe ich das als grosse Chance Wenn ich richtig gehört habe, gibt es aber auch neue Perspektiven Junge Leute ziehen wieder in die Stadt Was können Sie dazu sagen? Einheimische, die geblieben sind, haben neue Geschäftsideen Und junge Leute kommen nun von aussen hierher und starten hier in Onagawa ein neues Business, wie z.B. der junge Herr mit seinem Gitarrenshop dort drüben Ich zeige es Ihnen (Yoshiaki Suda bringt uns in den Gitarrenladen vom Yosuke Kajiya.) (Er kommt aus Tokio und zog erst vor Kurzem nach Onagawa.) Konichiwa * Sie sprechen japanisch. * (Yosuke Kajiya stellt mit seinem Team ganz spezielle Gitarren her: Elektrogitarren für Rock-, aber auch für traditionelle Musik.) (Und die Teile werden geleimt, nicht genagelt wie üblich.) Was war für Sie der Grund, hierher nach Onagawa zu kommen, dieses Geschäft zu eröffnen und hier Gitarren zu produzieren? Als ich das erste Mal hierherkam, spürte ich, dass dieser Ort eine starke Energie ausstrahlt Die Leute versuchten bereits, neue Geschäftsideen umzusetzen Die Fischfirmen z.B möchten neu nach Übersee verkaufen So dachte ich: “Diese Stadt ist ein wunderbarer Ort, um ein gutes Produkt herzustellen.” * Rockige Klänge * (Bewundernd) Oh! * Rockige Klänge * Dieser Riff ist ein Gitarrenintro der Schweizer Band Gotthard Gotthard?

Er spielt Gotthard? Wow! (Was für eine Überraschung!) (Der Bürgermeister ist auch ein Rocker.) (Er ist Gitarrist in einer Heavy-Metal-Band.) * Er spricht japanisch. * * Schnelle, rockige Klänge * So geil! Ich bin sehr beeindruckt, Er ist ja ein richtiger Rocker * Dennis spricht japanisch. * An Gotthard komme ich nicht heran Und woher kennen Sie Gotthard? * Er spricht japanisch. * Es sei eine Topband aus der Schweiz Sie sei auch nach Japan gekommen Das habe er gehört Sie waren als Fan am Konzert und spielen sie auch selbst * Sie sprechen japanisch. * Thank you, thank you very much * Rockige Gitarrenklänge * (Sechs Jahre nach dem Tsunami wohnen immer noch Menschen in Containersiedlungen – kalt, eng und fast ohne Privatsphäre.) (Und die neuen Siedlungen im oberen Teil der Stadt sind zwar schön und modern, aber halt auch anonym.) * Ruhige Klavierklänge * (Eines der wenigen Gebäude in Onagawa, das nach dem Tsunami noch stand, ist das Spital.) (Es steht 16 m ü.M.) (Als man es vor 20 Jahre baute, achtete man darauf, dass es hoch genug ist, damit es bei einem Tsunami geschützt wäre.) * Bedrückende Klänge * (Ganz gereicht hat es allerdings nicht, das Wasser stieg 18 m hoch.) (Das ganze Erdgeschoss wurde überflutet.) (Die Daten des Spitals, die Patientendossiers – alles wurde damals zerstört.) (So hoch stieg das Wasser damals.) (Das Spital wurde nach dem Tsunami mit Spendengeldern aus der Schweiz wieder aufgebaut.) (Neu wurde in den obersten zwei Stockwerken das Alters- und Pflegeheim untergebracht.) (Ich darf hier fotografieren, will mir das aber durch einen Einsatz als Hilfspfleger verdienen.) Bitte ziehen Sie für Ihren Einsatz die Angestelltenuniform an, die wir hier täglich tragen Wir würden uns freuen, wenn Sie uns heute helfen könnten Super, ich freue mich sehr darauf Vielen Dank * Er spricht japanisch. * (Vor meinem Einsatz in der Alterspflegeabteilung stelle ich mich beim Chef des Spitals vor, Dr. Mitsuru Saito.) (Er war während des Tsunamis im Spital.) (Ich möchte von ihm wissen, ob damals Menschen zu Schaden kamen.) Ja, es wurden Menschen aus dem Erdgeschoss weggespült Unsere Angestellten im ersten Stock kamen knapp mit dem Leben davon Das Wasser drang ein, schwoll an und schwemmte sie an die Decke hoch Sie hatten nur noch knapp 30 cm Luft über sich, dann liess das Wasser glücklicherweise nach Sofort nach dem Tsunami war es schwierig zu begreifen, dass das, was sich vor unseren Augen abspielte, die Realität war und nicht etwa ein Albtraum Ich glaube, dass Sie in der oberen Abteilung bereits ein Teil des Personals kennengelernt haben Alle Angestellten, die an jenem Tag im Spital gearbeitet haben, wussten zuerst nicht, was mit ihren Häusern und ihren Familien geschehen war Trotz dieser bedrückenden Ungewissheit blieben sie pflichtbewusst im Spital und kümmerten sich unermüdlich um die Patienten (Weil nach dem Tsunami viele wegzogen, war kein so grosses Spital mehr nötig.) (Dafür gab es Platz für ein Alterspflegeheim.) Hallo miteinander Wie schon am Morgen angekündigt, haben wir heute Besuch Konichiwa, konichiwa

Dann schlage ich vor, dass wir nun unsere Übungen machen Auch die Füsse bewegen! (Man brauchte mehr Platz fürs Altersheim: In Onagawa gibt es, wie in ganz Japan, immer mehr ältere Leute.) Soll ich Ihnen helfen? Mit dieser Hand nach hinten. So (Einerseits ist das schön, andererseits ein Problem, weil gleichzeitig die Geburtenrate rapide sinkt.) (Darum sind die Renten in Japan nicht gesichert.) (Dass die Menschen hier immer älter werden, hat mehrere Gründe: Sie leben und essen sehr gesund, und das Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt.) (Pflegerin) Tong, tong, tong, tong – (Alle) Tong, tong, tong, tong (Bis vor Kurzem lebten die Eltern bis zum Tod bei ihren Kindern.) (Das ist heute auch in Japan immer seltener der Fall.) (Und weil es immer weniger Junge gibt, gibt es auch immer weniger Pflege- personal für die alten Menschen.) (Dieses Problem liesse sich wohl nur lösen, wenn es mehr Zuwanderung aus dem Ausland gäbe.) (Doch da ist Japan streng, die Hürden sind hoch, auch für das Pflegepersonal.) (Nicht einmal 2 % der Bevölkerung in Japan sind Ausländer.) * Sie sprechen japanisch. * * Sie spricht japanisch. * (Oberschwester Abe macht sich Sorgen.) (Wer soll sich in Zukunft noch um die Alten kümmern?) Spüren Sie, dass es immer mehr alte Leute gibt in der Bevölkerung? Ja, tendenziell leben die Jungen nicht mehr bei den Eltern Alte Menschen werden allein gelassen Oft wohnt eine alte Person allein in einem Haus (Dazu kommt ein anderer gesellschaftlicher Trend: Immer mehr junge Menschen gehen als Single durchs Leben.) (Immer weniger Junge heiraten.) Wäre es eine Lösung, dass jede Familie wieder mehr Kinder hätte? Ich glaube, dass es mehr braucht als das Wenn die heute verteilt lebenden Familien wieder wie früher zueinander finden und miteinander leben würden, dann würde wohl eine bessere Gesellschaft entstehen, denke ich Es ist wichtig, dass die Verbindung wieder gestärkt wird zwischen einzelnen Leuten und den Familien, und auch lokal im Dorf Das ist der richtige Weg (Die Herausforderungen für Japan sind gross.) (Bis in 30 Jahren soll es einen Drittel weniger Menschen geben.) (Die meisten von ihnen sind dann im Pensionsalter.) (Ich weiss nicht, wie sich ein Kollaps des Landes verhindern lässt.) (Ich habe im Alterspflegeheim von Onagawa viel gelernt und gesehen.) (Masayo Abe ist 100 Jahre alt Sie hat in ihrem Leben viel gesehen.) (Es waren intensive Tage im Norden.) (Zwei Wochen bin ich jetzt schon in Japan.) (Dennis, mein Reisebegleiter, öffnete mir in dieser Zeit viele Türen und ermöglichte viele Begegnungen.) (Und er erzählte mir viel über die japanische Kultur.) (Doch jetzt muss er zurück in die Schweiz, zurück ins Büro.) (Am Bahnhof Tokio verabschieden wir uns.) (Nun muss ich es alleine schaffen, mit lokalen Übersetzerinnen.) * Sanfte japanische Musik * (Vor meiner Weiterreise ergatterte ich am Bahnhof noch einen Job.) (Ich darf einen Shinkansen, einen Hochgeschwindigkeitszug, putzen.) (Das klingt einfach, ist es aber gar nicht, wenn man weiss, wie hoch die Ansprüche in Japan sind.) (Ein Supervisor der Reinigungsfirma gibt mir einen Crashkurs.) (Das Wichtigste sei der Lappen: Er müsse richtig gefaltet sein.) (Und man müsse ihn richtig halten, sonst gehe gar nichts.)

Ja, ja * Der Supervisor spricht japanisch. * (Dann lerne ich, wie man einen Zug und die Passagiere richtig empfängt.) (Ja, das Reinigungspersonal begrüsst den Zug und die Passagiere mit einer Verneigung.) (Dann geht es los: Die Passagiere haben 3 Min. Zeit zum Aussteigen, dann kommt das Kommando zum Putzen.) (Wie von Geisterhand drehen sich die Stühle in Fahrtrichtung.) (Und auch der Rest geschieht wie von Geisterhand.) * Sie spricht japanisch. * * Sie spricht japanisch. * Arigato (7 Min. haben wir für einen Wagen Zum Glück sind wir zu zweit.) Gut Die Kollegin ist schon fünf Reihen weiter Jetzt verstehe ich das System mit dem Lappen. Das ergibt schon Sinn (Wir haben es geschafft, bzw meine Kollegin hat es geschafft.) (Sechs Monate lang war sie in der Ausbildung, bevor sie zum ersten Mal allein einen Wagen putzen durfte.) (Ich verstehe, warum.) (Der Zug fährt pünktlich ab.) (Pro Jahr hat ein Shinkansen zusammengerechnet nicht mehr als 1 Min. Verspätung.) * Sanfte japanische Musik * (Der Bahnhof von Kioto sieht ein bisschen aus wie eine Raumstation.) (Als er vor 20 Jahren eröffnet wurde, diskutierte man ihn in Japan sehr kontrovers.) (Die einen empfanden ihn als Schand- fleck für die historische Stadt, die anderen waren begeistert vom futuristischen Look.) * Sanfte japanische Musik * (Kioto ist eine sehr lebendige, moderne Stadt.) (Kioto hat aber – als einzige grosse Stadt in Japan – auch einen historischen Kern.) (Der Grund dafür ist: Kioto blieb im Zweiten Weltkrieg als einzige grosse Stadt in Japan von den Bombardements verschont.) (Es ist Kirschblütenzeit. In Japan die wichtigsten Wochen im Jahr.) (Man feiert den Frühling, den Anfang des Lebens.) (In dieser Zeit in Kioto ein Hotel zu finden, ist fast unmöglich.) (Aber ich habe Glück.) I would like to check in for one night. Yes (Im Kapselhotel Nine Hours gibt es noch freie … ja, Kapseln.) Okay. So Hier ist der Lift – für Männer und Frauen getrennt Rot ist für Frauen? (Seinen Namen Nine Hours – 9 Std. – trägt das Hotel, weil man für eine Nacht in einer Stadt nicht mehr braucht als 9 Std: 1 Std. für die Toilette, sieben zum Schlafen, eine zum Aufstehen.) (Alles ist reduziert aufs Wesentliche: Für das Gepäck ist wenig Platz, dafür gibt’s einen Pyjama und Hausschuhe.) (Wäre ich jünger, würde ich möglichst oft in einem solchen Hotel übernachten.) (Jetzt bin ich froh, dass es nur eine Nacht ist.) * Futuristische Musik * So stelle ich es mir im Weltall vor (Die Nacht ist kurz, aber dafür habe ich gut geschlafen.) (Ich bin froh, weil mein Tag schon um 5.30 Uhr anfängt.)

(Zusammen mit meiner Übersetzerin Toyo mache ich mich auf ins Dojo von Yoko Okamoto, eine der wenigen Kampfkunsttrainerinnen in Japan.) (Yoko Okamoto ist 62, sie ist ein Aikido-Sensei, eine Aikido-Lehrerin, und trägt den sechsten Dan, den sechsten schwarzen Gurt.) D.h., sie ist sehr erfahren, und es ist auch ziemlich schnell klar, wer hier der Meister ist.) (Jetzt gebe es zuerst Zazen, eine Sitzmeditation.) Während des Zazen sitzt du so Die Augen sind nicht geschlossen Ja, so ist es gut * Heller Glockenschlag * (Meine erste Lektion in Kampfkunst ist zuerst die Kunst, gegen mein Inneres zu kämpfen.) * Heller Glockenschlag * (40 Min. lang im Lotussitz, mich nicht bewegen, geradeaus schauen, ein- und ausatmen, Gedanken kommen und wieder gehen lassen.) (Eine spannende Erfahrung.) * Heller Glockenschlag * (Richtig zu atmen und zentriert zu sein, ist im Aikido sehr wichtig.) (Das ist ja schön, aber momentan sind meine Beine verkrampft.) (Ich muss mir meine Fotos wieder verdienen.) (Das ist gut, weil ich so eine Beziehung zu den Menschen aufbaue und Teil des ganzen Geschehens werde.) (Weil ich noch nie Aikido ausgeübt habe und in der Lektion v.a. im Weg wäre, helfe ich zumindest beim Putzen.) Ai ist die Harmonie, Ki ist die Energie, Do ist der Weg The path. The path – The path you have to go Aikido ist also ein Weg, die Energie zu harmonisieren Harmonisieren mit der Natur und jedem einzelnen Individuum und Ding, das auf der Welt existiert (Yokos Schülerinnen und Schüler kommen aus der ganzen Welt.) (Sie bewegen sich wie in einem Ballett.) (Allen scheint jede Bewegung klar zu sein.) (Niemand spricht.) Du arbeitest ohne Worte Folgen sie dir einfach? Wie kann ich die Natur und all die schönen Dinge erklären? Sie sind einfach schön. Du musst sie sehen und fühlen, wahrnehmen Das ist im Grunde dasselbe Für mich gibt es nichts zu erklären Ich werfe sie, und sie müssen es fühlen * Mystische Klänge mit wilden Trommelschlägen * Der Weg des Aikido ist, zu akzeptieren, ohne sich daran zu klammern, ohne Widerstand Ergibt das Sinn? – Noch nicht Wenn du aggressiv bist, und ich werde auch aggressiv, dann knallt es Wenn du wütend bist, brauche ich aber nicht wütend auf dich zu sein Ich akzeptiere es und lenke es um Wir sind zwei Personen Ich kann dich und mich aber auch aus der Perspektive einer dritten Person beobachten, wie wenn ich uns in einem Film sehen würde Wenn du also wütend wirst, brauche ich das nicht persönlich zu nehmen Genau das geschieht auch in der Sitzmeditation (Yoko sagt, Aikido müsse man erleben, fühlen, nicht verstehen.) (Eigentlich wie in der Fotografie.) (Es heisst ja, ein Bild sage mehr als 1’000 Worte.) Würde Aikido mein Leben verändern? Ich weiss nicht Was möchtest du denn verändern? Vielleicht würde ich ein bisschen ruhiger,

konzentrierter, geduldiger werden Genau darum geht es beim Aikido Great – Yes (Langsam verstehe ich: Aikido ist also viel mehr als Sport.) (Es ist eine Persönlichkeitsschulung.) (Man lernt, mit körperlichem Training richtig auf Situationen zu reagieren.) (Mit Klarheit, Respekt und eigener Stärke.) (Ohne Aggression.) (Genau so erlebe ich Yoko Eine faszinierende Frau.) You don’t have your glasses but I think, they’re good (Die letzte Etappe meiner Reise beginnt kurz nach 4 Uhr morgens.) (Ich bin in einem buddhistischen Tempel in Kameoka, in der Nähe von Kioto.) * Sanfte japanische Musik * (Ich lerne den Mönch Gensho Hozumi kennen.) (Er ist ein Roshi, ein alter Zen-Meister.) (Er führt einen der wenigen Tempel in Japan, in dem auch Ausländer Zen lernen können.) Ich mache einen Kreis um den Stein Du machst den äusseren in Verbindung dazu Darum: Alle Menschen sind verbunden Zen öffnet das Herz Nichts ist für die Ewigkeit Ich kann ein neues Muster machen, wenn ich will Jede Tätigkeit ist in sich perfekt, wenn man die ganze Energie auf den Augenblick lenkt Das Wichtigste ist das Selbst Man wendet sich dem Inneren desSelbst zu, dem wahren Selbst Mit dieser spirituellen, gesunden Haltung bringt man den Körper, die Atmung und den Geist in Ordnung Geist und Körper genesen Diese drei Punkte zu trainieren – das macht das Leben mit Zen aus * Gong * (Es ist Zeit für das Frühstück.) Nehmt die Stäbchen aus der Hülle und platziert sie rechts Dann öffnet die Servietten, nehmt die Schüsselchen mit der linken Hand, von links her! (Francisco, ein Schüler von Roshi Gensho, erklärt uns westlichen Besuchern die Regeln.) (Im Zen soll nichts die Gedanken ablenken.) (Darum ist sogar beim Essen alles streng ritualisiert.) Jetzt die nächste Schüssel * Japanisch * Bitte esst schnell und still * Er spricht japanisch. * Bitte nicht den Rettich essen Legt die Stäbchen nicht hin, egal was passiert Esst den Rettich Reinigt die Stäbchen Legt sie zurück in die Hülle Trinkt das Wasser Das ist die Zen-Weise, zu speisen Alles wird genau und bewusst gemacht Das ist etwas vom Wichtigsten * Er spricht japanisch. * * Sanfte japanische Klänge * (Wir wechseln in einen anderen Tempel von Roshi Gensho.)

(Hier machen wir eine Sitzmeditation.) (Langsam atmen wir ein und wieder aus.) (Das soll helfen, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.) (Doch so einfach ist das gar nicht.) * Schläge * (Ich frage mich, was Roshi da macht, und befürchte, dass es mich als Nächsten treffen könnte.) (Tatsächlich.) (Ich überstehe es und bin nach dem langen Sitzen recht entspannt.) (Das sei auch der Sinn der Schläge, sagt der Roshi.) Im Zazen sammelt sich die Kraft beim Tanden, dem Zentrum des Körpers Hier kommt die Kraft her Dein Zentrum ist schlaff Dein Tanden sollst du stärken, damit deine Willenskraft und Energie fliessen können * Kraftspruch * Der alte Mann hat Kraft Alles von hier? Zen-Power ist das spirituelle Bewusstsein, mit allem verbunden zu sein Ich zeige dir die innere Kraft mit meinem Körper, so ist dieses Ki leichter zu verstehen (Und dann sagt der Roshi, dass ich ihm auf den Bauch sitzen soll.) Wie schwer bist du? Bald 90 kg wahrscheinlich, 88 kg Aufstehen? (Dann demonstriert mir Roshi, was es heisst, wenn man sein Ki, seine ganze Energie, im Zentrum des Körpers hat.) Wenn man richtig atmet und geistig wach ist, wird man sich seiner prächtigen Seele bewusst und entwickelt sich Heute nennt man das auch Mindfulness, Achtsamkeit Das Wichtigste beim Zen ist, sein Zentrum zu finden (Meine Fotos habe ich mir wieder mal verdient.) (Und ich habe nun eine Idee, was Zen bedeutet.) * Sanfte japanische Musik * (Von Kioto geht meine Reise weiter nach Osaka.) (Die Stadt ist ein altes Handelszentrum und heute eines der wichtigsten Industriezentren Japans.) (Osakas Hafen ist einer der wichtigsten im Land.) (Osaka gefällt mir ab der ersten Sekunde.) (Die Stadt ist lebendig, weniger hektisch als Tokio.) (Die Menschen sind entspannt und recht witzig.) (Am Fluss treten Idols auf – junge Menschen, die berühmt werden wollen.) (Die Frauen stehen auf der einen, die Männer auf der anderen Flussseite.) (Das ist recht symbolisch für Japan.) (Ich habe gelesen, Japanerinnen und Japaner binden sich immer weniger.) (Immer mehr leben allein, hätten Angst, eine Beziehung einzugehen.) (Warum das so ist, will ich in der Singles Bar Eden herausfinden.) (Frauen, die einen Mann suchen, warten in einem separaten Raum.) (Wenn der Barmanager das Gefühl hat, es gäbe einen Mann, der zu einer der Frauen passt, bringt er sie zu ihm.) (Ich frage den Manager Shingo Hashiguchi, ob er mich zu einer Single-Frau bringen könnte, natürlich ohne Paarungsabsicht.) (Ich würde sie gerne fotografieren und mit ihr reden.)

Konichiwa! Can I sit down? (Ich darf zu Yuki.) (Sie ist 31 und seit etwas mehr als einem Jahr Single.) Ist es schwierig, hier einen Mann zu finden? Es ist schwierig, den ersten Eindruck richtig einzuschätzen Okay. Träumen Sie von einer Familie? Ja, natürlich Mit vielen Kindern? Zwei wären perfekt Sind Sie nervös an einem solchen Abend? Ja, ich bin aufgeregt (Shingo kommt zurück.) (Für zwei Frauen am Nebentisch hat er zwei passende Männer gefunden.) (25 Min. lässt er sie beieinander sitzen.) (Spätestens dann sollte man wissen, ob man sich wieder treffen will oder nicht.) (Weiss man es bis dann nicht, wird es nichts, ist die Haltung hier.) (Der erste Eindruck ist also entscheidend.) (Ist die Zeit um, tauscht man entweder Telefonnummern aus oder man geht zurück zum Manager.) (Dieser gibt einem ein Feedback zum Treffen – wie eine Art Liebescoach.) (Ich setze mich in der Zwischenzeit zu diesen drei Männern im Abteil nebenan.) Seid ihr auf der Suche nach Liebe? Ja Jemanden zum Heiraten? Ja, heiraten Du willst heiraten? – Ja Seid ihr möglicherweise schüchtern? Ja, wir sind Japaner (Yuki sitzt immer noch allein am Tisch.) (Wenn Manager Shingo nicht das Gefühl hat, es könnte sich etwas ergeben, bringt er seine Gäste nicht mit anderen zusammen. Yuki gibt auf.) (Dieses Wochenende wird sie wohl wieder allein verbringen.) Warum haben Sie heute Abend keinen Mann gefunden für Yuki? Warum wohl? Heutzutage ist es schwieriger, jemanden am Arbeitsplatz kennenzulernen Wegen der vielen Überstunden hat man kaum Zeit, Leute zu treffen Solche Orte wie hier gehören zu den wenigen Gelegenheiten Yuki ist gekommen, weil sie von Freunden gehört hat, die hier früher einmal ihren Partner gefunden haben (Sie ist auch wieder zurück am Platz.) (Der Mann, den sie getroffen hat, habe zwar eine gute Ausstrahlung, aber irgendwie habe es nicht gepasst.) (Ihr sei Konversation sehr wichtig, und in diesem Gespräch habe es zu viele Pausen gegeben.) (Das erzählt sie Manager Shingo, der jetzt als Coach bei ihr ist.) Was haben Sie von Manager Shingo gelernt? Anstatt auf das Äussere zu schauen, sollte ich auf meine Gefühle für diese Person achten Gefühle sind wichtiger als das Aussehen Shingo, welchen Rat würden Sie japanischen Männern geben und welchen japanischen Frauen? Männer tauschen zwar die Kontaktinformationen aus, aber sie sind so tollpatschig in der darauffolgenden Kommunikation * Er spricht japanisch. * Frauen urteilen viel zu schnell Frauen müssten sich nach diesem Treffen mindestens noch zu einem Dinner verabreden Und so den Mann noch ein bisschen besser kennenlernen (Bis vor Kurzem gab es in Japan v.a. arrangierte Hochzeiten.) (Liebeshochzeiten waren selten Heute ist das anders.) (Mit der Freiheit sind auch die Ansprüche gestiegen, scheint mir.) (Und vielleicht auch die Überforderung.) * Pulsierende Musik * (Einen grossen Modernisierungsschub

hat Japan in den 1970er- bis 1990er-Jahren gemacht.) (In diesen Jahren ist auch die Wirtschaft explodiert.) (Trotz den Veränderungen behielt die Tradition ihren Stellenwert.) (Tradition und Moderne gehen erstaunlich gut zusammen in Japan.) (In einem ruhigen Viertel von Osaka treffe ich Yasuo Miichi.) (Er beherrscht ein jahrhundertealtes Handwerk.) Konichiwa * Sie sprechen japanisch. * (Yasuo Miichi schnitzt Masken für das Noh-Theater.) (Das ist eine 700 Jahre alte Theaterform, die sich bis heute kaum verändert hat.) (Alle Rollen werden von Männern gespielt.) (Welche Figur es ist, erkennt man an den Masken.) (Sie sind das zentrale Element im Noh-Theater.) (Je nachdem, wie der Schauspieler den Kopf hält, verändert sich der Gesichtsausdruck der Masken.) Kumoraseru bedeutet, der Maske einen traurigen Ausdruck zu verleihen Und wenn man sie so nach oben richtet, dann bekommt sie einen helleren Ausdruck Ein Beispiel: Hier habe ich ein Gesicht auf das gefaltete Papier gezeichnet So etwas Ähnliches macht man auch mit der Noh-Maske (Ich möchte Yasuo Miichi fotografieren, am liebsten mit natürlichem Licht, damit die schöne Stimmung in seinem Atelier auf den Bildern zu sehen ist.) (Der Mann beeindruckt mich.) (15 Jahre lang ging er in die Lehre, um sein Handwerk zu lernen.) (Erst nach zehn Jahren durfte er zum ersten Mal selber eine Maske schnitzen.) (Auch nach 40 Jahren macht er die Ar- beit immer noch mit grosser Hingabe.) Ich habe in den letzten Wochen auf unserer Reise gelernt, dass man in Japan sein wahres Gesicht nicht zeigt Wie stark denken Sie, Herr Miichi, dass diese Noh-Kunst auch etwas sehr typisch Japanisches ist, sein wahres Gesicht zu verbergen? Ich bin mir nicht sicher, ob man so direkt einen Bezug herstellen kann, zwischen Noh und dieser japanischen Gewohnheit Es gab einen historisch wichtigen Noh-Spieler, dessen Lehre lautete: Man soll etwas nicht aktiv – explizit – darstellen, sondern implizit spüren lassen Z.B. gibt es beim Auftreten auf der Bühne eine Haltung, bei der die Maske einen bestimmten Winkel hat Wenn man diesen Winkel auch nur ganz sanft verändert, wird etwas ausgedrückt Die Darstellungsweise ist also sehr eingeschränkt (So gesehen passt Noh halt doch zu Japan, wo man vieles nicht sagt.) (Man muss spüren, fühlen, damit man versteht.) Wunderschön! Würden Sie für mich eine fertige Maske vors Gesicht halten? (100 Std. arbeitet Yasuo Miichi an einer Maske.) (Das Wichtigste sei, dass jede Maske eine perfekte Kopie ihrer Vorgängerinnen sei.) (Künstlerische Freiheit, eine Neuinterpretation verträgt es nicht in der Noh-Kunst.) (Natürlich würde ich die Masken auch gerne im Einsatz sehen.) (Yasuo Miichi vermittelt mir einen Besuch im Kongo-Noh-Theater.) (Hiroshi Kongo führt das Theater in 26. Generation.) (Seine Vorfahren gründeten es vor über 650 Jahren.) Ich kann nicht viel sehen Ich muss die Maske gut polstern, weil ich sie stundenlang trage (Die Maske ist über 300 Jahre alt.) (Hiroshi Kongo behandelt sie wie einen Schatz.) (Sein Sohn Tatsunori, der das Theater bald in 27. Generation führt, verwandelt sich jetzt gerade in eine Frau.) (Es ist nur für eine Probe, aber trotzdem sehr aufwendig.)

(Die Tradition sagt, in dem Moment, in dem der Noh-Spieler die Maske aufsetze, fahre der Geist der Figur in ihn.) * Sanfte, tiefe Klänge * (Das Noh-Theater ist streng formalisiert.) (Jede Bewegung ist genau festgelegt – seit Jahrhunderten.) Sie verstecken Ihr Gesicht hinter einer Maske, müssen Ihr Gesicht verstecken Fehlt da für einen Schauspieler nicht etwas ganz Wichtiges? Es gibt auch Rollen, bei denen keine Maske getragen wird Aber auch dort muss die Mimik des Schauspielers neutral bleiben Das wird Untermaske genannt Das eigene Gesicht wird dann gewissermassen als Maske getragen Gefühle werden also nie über die Mimik ausgedrückt Es ist eher etwas, das aus dem tiefen Inneren herauskommt (Eine sehr spezielle Theaterform, die ich irgendwie nicht ganz verstehe, aber ich bin beeindruckt von der Eleganz.) (Von Osaka fliege ich nach Okinawa, der Hauptinsel einer ganzen Gruppe von kleineren Inseln, ca. 1’200 km weiter im Süden.) (Das Klima in Okinawa ist tropisch.) (Ich habe mich bei WWOOF angemeldet, den Willing Workers on Organic Farms, den freiwilligen Helfern auf Biohöfen.) (D.h., ich gehe arbeiten und darf bei den Bauern wohnen.) (Die Begrüssung bei meiner Gastfamilie ist … stürmisch.) (Aber ausser dem Hund scheint niemand hier zu sein.) Oh, ich habe den richtigen Ort gefunden Konichiwa! Ich freue mich, Sie kennenzulernen Ich bin Manabu Akiko! – Nice to meet you Such a beautiful place! (Auf den ersten Blick gefällt es mir im Dschungel.) (Akiko ist vor 13 Jahren nach Okinawa gezogen.) (Ihr gefalle es hier besser als auf Festlandjapan, die Menschen seien offener und entspannter.) Sie haben ein Zimmer für Gäste? Normalerweise haben wir jeweils eine WWOOFer-Person So, dieses Unkraut musst du schneiden Okay Gibt es gefährliche Tiere hier? Schlangen. Ja Deshalb machst du am besten so, bevor du anfängst Danke dir – Danke Arigato Los geht’s! (Mit einer kleinen rostigen Sichel Unkraut schneiden in der feuchtwarmen, tropischen Hitze: Ich bezahle einen hohen Preis für mein Abendessen.) (Meine Gastfamilie ist keine richtige Bauernfamilie.) (Akiko ist Juristin, arbeitet aber nicht mehr auf dem Beruf.) (Und Manabu ist Keramikkünstler.) (Er kam v.a. wegen des guten Lehms nach Okinawa.) * Sanfte japanische Klänge * (Der Boden ist nicht nur wegen des Lehms sehr gut, er ist auch sehr fruchtbar, das Unkraut wuchert wie verrückt.)

(Yamagamis sind, wie viele Menschen auf Okinawa, Selbstversorger.) (Zum Abschluss meiner Gartenarbeit steche ich noch die Frühlingszwiebeln für das Abendessen.) (Akiko und Manabu haben vier Kinder, zwei sind noch zu Hause.) Das ist das Okinawa-Küchengerät Shirishiri Wie heisst das? Shirishiri – Shirishiri Klingt wie eine Reibe Ah, so wie das Geräusch – (Beide) Shirishirishiri Shirishiri (Ich gebe mir richtig Mühe, das Shirishiri richtig zu benutzen.) Geht’s? Ja, bis jetzt noch ohne Blutvergiessen Du kannst aufhören Kann ich den Rest essen? – Ja, ja (Alle) Kanpai Thank you very much for welcoming me – You’re welcome And here we have fish (Ich liebe das japanische Essen.) (Es ist leicht und alles ist frisch.) (Und mit einem guten Sake dazu, dem japanischen Reiswein, gibt es auch gute Gespräche.) (Akiko erzählt von der schwierigen Geschichte von Okinawa.) (Sie sagt, die Menschen hier fühlten sich als Opfer.) Früher war es ein eigenständiges Königreich, dann wurde es von Japan annektiert Und die Menschen verloren ihre Identität? Ja, Japan gegen Okinawa Japan hat Okinawa immer diskriminiert Und Okinawa war im Zweiten Weltkrieg der einzige Ort, wo an Land gekämpft wurde Die Amerikaner haben nicht auf der Hauptinsel gekämpft Sie gingen nicht nach Tokio, sie haben es nur bombardiert Die Amerikaner haben dann für ihre Militärbasen den Einheimischen Land weggenommen und sind geblieben Wegen der Geschichte fühlen sich die Menschen auf Okinawa doppelt als Opfer Betrogen und benutzt, so fühlt sich v.a. die ältere Generation Darum protestiert die ältere Generation gegen die US-Präsenz, aber es ändert sich nichts (Es hat mit Unkraut jäten angefangen und am Ende wurde der Tag sogar noch politisch. Spannend.) * Sanfte japanische Musik * (Das mit dem Protest lässt mir keine Ruhe.) (In der Nähe sollen Demonstranten den Bau einer US-Basis blockieren.) (Hinako, meine Übersetzerin, weiss mehr.) Heute Morgen ist die Polizei bereits vor Ort In einer halben Stunde wird sie beginnen, den Platz zu räumen (Unvorstellbar: Auseinandersetzungen mit der Polizei im friedlichen Japan.) (Eine Demo in einem Land, in dem man nicht einmal seine Meinung sagt.) (Das ist doch recht aussergewöhnlich.) * Japanischer Sprechgesang * (Die Sicherheitsleute der Militärbasis sind zurückhaltend.) (Sie kennen die Demonstranten.) (Einige von ihnen machten das seit 20 Jahren, sagt mir einer.) (Dann kommen zwei Polizisten Sie wollen wissen, was wir machen.) (Sie stellen sich mit Visitenkarte vor, bedanken sich für die Auskunft und verabschieden sich freundlich.) (Doch dann fährt die Polizei gröberes Geschütz auf.) (So geht das jeden Tag.) (Die Polizei löst die Demo auf, damit die Lastwagen auf die Baustelle können.) (Jede Minute, in der nicht weiter- gebaut werden kann, kostet Geld – genau das wollen die Demonstranten.) (Sie wollen die Amerikaner weg haben von ihrer Insel, weil immer wieder Soldaten Frauen belästigen, weil sie die Natur kaputt machen, aber auch, weil die Menschen auf Okinawa fürch- ten, Ziel von Angriffen zu werden.) (Nordkorea ist nicht weit entfernt.) (Die Menschen auf dieser Insel haben schon sehr viel durchgemacht, wovon v.a. die sehr alten Menschen auf Okinawa berichten können.) (Und von ihnen gibt es einige.)

(In Okinawa gibt es nämlich das Dorf der Hundertjährigen.) (Es heisst Ogimi. Hier sollen die ältesten Menschen der Welt leben.) (Ich habe mit Hana Miyagi abgemacht.) (Sie ist 93 und Mutter von zehn Kindern.) (Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, als die Amerikaner Okinawa erobert haben.) Was halten Sie von den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Japan und auf Okinawa? Unter der Kontrolle der japanischen Regierung waren wir immer arm Seit die Amerikaner hier sind, sind wir reicher Sie sind also froh, dass die Amerikaner hier sind? Ja, ich bin dankbar und glücklich, dass sie uns beschützen Reden wir über Ihren Alltag Wie sieht er aus? Jeden Tag züchte ich u.a. Goya Das typische gesunde Gemüse hier Ich pflanze Goya an, entferne die Insekten und Schnecken aus meinem Garten Das ist mein morgendliches Fitnesstraining * Sie spricht japanisch. * Das ist eine Goya DasGeheimnis Ihres hohen Alters Wie denken Sie über die jungen Leute? Heutzutage gehen alle gleich ins Spital, wenn sie ein wenig Fieber haben Meine zehn Kinder waren nie im Spital, wir hatten kein Geld für so was Ich machte ihnen ein Getränk mit Wildkräutern und Zucker Das senkt das Fieber Das Fieber geht auch weg, wenn man Bananenblätter aufs Genick legt, wie ein Kissen So machten wir das (Das Leben auf Okinawa ändert sich wie überall in Japan.) (Nicht nur wegen des Einflusses aus dem Westen, aber auch.) (Traditionen gehen verloren.) Alles im Garten ist Gemüse Das kannst du essen Arigato Mmh, good! Ich esse das immer She wants to collect it? Aha, okay * Fröhliches Lachen * (Dassdie Leute in Ogimi so alt werden, hat verschiedene Gründe.) (Das gesunde Essen ist einer, aber auch das Klima und die gute soziale Vernetzung im Dorf haben einen grossen Einfluss.) (Einmal in der Woche treffen sich die ältesten Frauen der Welt im Gemeindezentrum von Ogimi.) (Hier können Hana Miyagi und ihre Kolleginnen auch ihre Gesundheit checken lassen.) (Dass die Frauen in Ogimi auch gesund alt werden, könnte damit zusammenhängen, dass man hier auf der Insel nach dem Grundsatz hara hachibu lebt.) (Hara hachibu heisst: Füll deinen Bauch nur zu 80 %.) (Mehr sei ungesund.) Sprichst du Japanisch, verstehst du Japanisch? Als ich jung war, war ich sehr hübsch und meine Haut war wunderschön So alt bin ich jetzt Ich bin jetzt 90 Du schwitzt. Komm, ich trockne dich etwas mit dem Taschentuch ab You’re so nice Du hast schöne Arme Was arbeitest du? Ich bin Fotograf – Shashin-karesh (Gut, dass mich Aiko Miyagi an meine Arbeit erinnert.) (Ich hätte sie vor lauter Zärtlichkeiten fast vergessen.) * Sanfte japanische Musik * (Was für eine Zeit in Okinawa Der Abschied fällt mir nicht leicht.) (Ich gehe noch weiter Richtung Süden, noch einmal 430 km, und zwar auf die Insel Ishigaki, die ganz in der Nähe von Taiwan liegt.)

* Sanfte japanische Musik * (Am nächsten Morgen besuche ich Tomohiro.) (Dieser Mann soll eine ganz besondere Geschichte haben.) Nice to meet you.- Thank you very much for welcoming us What a wonderful place to live (Tomohiro baut Sabani.) (Das sind traditionelle Boote, die ganz aus Holz gemacht sind.) Und da gibt es keine Metallschrauben oder Nägel? Wenn du Metallnägel verwendest, werden die nach zehn bis 20 Jahren rostig und es bildet sich ein Loch rundherum Der Nagel wird lose und fällt raus Ein Bambusstift hingegen wird eins mit dem Holz des Bootes Solange das ganze Holz hält, kannst du das Boot benutzen Wenn ein Stück bricht, kann ich es heraussägen und ein neues Stück einfügen (Tomohiro kommt ursprünglich aus Tokio, wo er in verschiedenen Berufen gearbeitet hat.) (Aber richtig zufrieden war er nie.) (Es wurde ihm alles zu viel und er beschloss, mit seiner Familie nach Ishigaki auszuwandern.) (In Ishigaki lernte Tomohiro einen alten Bootsbauer kennen.) (Er war 82 und wollte sich langsam zurückziehen.) (Tomohiro war von der traditionellen Handwerkskunst sofort fasziniert.) (Der alte Bootsmacher zeigte ihm, wie er selber Sabani bauen kann.) (Endlich fand Tomohiro seine Bestimmung.) (Am Sunset Beach liegt Tomohiros eigenes Sabani vor Anker.) More? – Okay (Normalerweise fährt er mit Touristengruppen aufs Meer.) (Heute will er mit mir schnorcheln.) Hat sich dein Leben verändert, seit du hier lebst? Während ich in Tokio arbeitete, um meine Familie zu ernähren, versteifte sich meine innere Haltung: Ich merkte, ich arbeite, um zu überleben Ohne Arbeit kein Leben Ohne Geld kein Leben Hier auf Ishigaki änderte sich meine Mentalität langsam Es funktioniert auch anders und einfacher: Von der Natur rundherum erhält man Wasser und man kann Nahrung anbauen, damit man essen und überleben kann Die Dinge sind da, und du kannst anfangen zu leben und hast Zeit für die Familie Was muss ich wissen, bevor ich ins Wasser springe? Mach Druckausgleich, wenn du abtauchst Kannst du das? Okay Beautiful! (Ich verstehe, was Tomohiro meint, wenn er sagt, er habe hier mit seiner Frau Akemi und den beiden Kindern das Paradies gefunden.) (Der Sohn ist schon älter. Tochter Urara lebt noch bei den Eltern.)

Urara ist hier auf Ishigaki geboren Es gibt kaum Einschränkungen Wir können unsere Familienzeit selber gestalten Nachbarn sind wie eine erweiterte Familie. Wir sind glücklich * Sanfte japanische Musik * Wenn ich das richtig sehe, hast du zwar weniger, aber dein Leben ist viel besser als früher * Er spricht japanisch. * Das stimmt Ich finde, Glück hängt nicht vom Anhäufen von vielen Dingen ab Mein neuer Fokus: Wie mache ich mein Leben reicher? Wie kann ich eine tiefere Erfüllung finden mit dem, was ich habe? Das macht mich viel glücklicher (Ich bin vor bald sechs Wochen losgezogen, um mit meiner Fotokamera Japan zu entdecken.) (Auf eine Art, wie man es sonst nicht kennt.) (Mein Ziel: ein Buch über dieses Land und seine Gegensätze zu machen.) (Ich bin so vielen verschiedenen Menschen begegnet, wie ich es nie erwartet hätte.) (Sie gaben mir einen Einblick in ihr Leben.) (Japan wird mir wohl trotzdem immer fremd bleiben, aber ich verstehe es nach dieser Reise ein bisschen besser.) (Und ich weiss: Ich will zurückkommen.) (Tief in mir drin hat dieses Land, haben diese Menschen etwas in mir berührt.) SWISS TXT AG / Access Services Sabine Näpflin – 2020